“Oster – Spezial” – Zeitreise: Artikel aus dem St. Pauli Magazin „Millerntor“ von Oktober 1965

Im Mittelpunkt des Geschehens unserer Schachabteilung stand im September die Fahrt nach Dänemark. Fünfzehn Personen, die auf vier Privatwagen verteilt wurden, nahmen an der Fahrt teil. Wie schon  vor zwei Jahren war wieder Vojens, eine 6000 Einwohner zählende Kleinstadt in Mitteljütland, unser Ziel.

Die Dänen, denen es, wie sie nochmals versicherten, im Vorjahr bei uns in Hamburg sehr gut gefallen hatte, schienen sich in den Kopf gesetzt zu haben, sämtliche Rekorde in Bezug auf Gastfreundschaft und Bewirtung der Gäste zu brechen. Wir wurden mit einer Abendbrot-Tafel überrascht, wie sie sich hübscher gedeckt und leckerer zubereitet kaum mehr vorstellen läßt. Es gab sechs verschiedene Gänge, und manch einer wird bei sich gedacht haben, hätte ich doch bloß von dem vorhergehenden weniger gegessen. Zu verwundern war eigentlich nur, daß sich nach der Tafel, die zwei Stunden in Anspruch nahm, noch alle von ihren Stühlen erheben konnten.

Abends wurden wir per Taxi-Bus in ein Tanzlokal gefahren, das am Steilufer der Ostseeküste wunderhübsch gelegen war. Wir nahmen an reservierten Tischen Platz, und es war jedem einzelnen überlassen, wie er sich amüsierte. Auf seine Kosten dürfte jeder gekommen sein – sei es, daß er eifrig tanzte, oder, daß er die Bar inspizierte – sei es, daß er die gewagten Dekolletes der Däninnen „bewunderte“, oder, daß er nur auf seinem Platz saß und den Trubel an sich vorbeirauschen ließ. Den größten Genuß durften Petersen und Rischpler gehabt haben; denn unmittelbar hinter deren Sitzen stand der auf vollste Lautstärke geschaltete Gitarrenverstärker.

So vorbereitet trugen wir am Sonntagmorgen unseren Schachwettkampf aus. Obwohl einige vorher die Befürchtung äußerten, am Schachbrett einzuschlafen, gelang es uns doch, mit 8,5:6,5 den Sieg zu erringen. Nach dem Mittagessen stand eine interessante Besichtigung einer großen Fabrik auf dem Programm. Mit dem anschließenden Nachmittagskaffee klang unser Besuch aus.

Besonders hervorzuheben sind die Worte, die der Vorsitzende des Schachklub Vojens an uns richtete: Er meinte, daß man sich bemühen sollte, derartige Verbindungen, wie sie zwischen Dänen und uns bestehen, möglichst lange zu erhalten – wird es doch dadurch ermöglicht, Menschen einer anderen Nation persönlich kennenzulernen. Dadurch könnten Mißverständnisse vermieden werden, und jeder könnte sich überzeugen, daß der einzelne Mensch eben doch ganz anders ist als das, was man gewöhnlich mit der Bezeichnung „der Deutsche“ verbindet. Wenn das tatsächlich der Fall gewesen ist, so meine ich, wir haben mit unserer Fahrt mehr erreicht, als wir uns vorher wünschen konnten.

Was mir an Vojens noch auffiel? Man höre und staune: In dieser Kleinstadt gibt es ein supermodernes, geheiztes Schwimmbad, ein Eisstadion, in dem alle dänischen Eishockeymannschaften oft und gern spielen; und eine Sporthalle, die bei Handballspielen bis zu 4000 Zuschauer fassen soll, steht kurz vor der Vollendung. In dieser Beziehung ist Vojens der Weltstadt Hamburg also um Längen voraus.